Jazz im Wichernhaus

ALTDORF – Wie das leichte Kräusel wenn sich die Wellenkreise langsam vom Mittelpunkt nach außen dehnen fallen die ersten Klänge des Xylophons ins Publikum, fremdartig, außerirdisch Töne, die mit zunehmender Intensität bekannter werden, rhythmischer.
Akkorde erklingen, aus denen sich nach und nach eine zarte Melodie heraus schält. Es könnte ein Ton gewordener Ozean sein, so ruhig, kraftvoll kling nun die Musik von Schlagzeug, Bass und Klavier, eine gewaltige, langgezogene Dünung, von der man sich getragen fühlt, gewiegt. Doch dieser „stille Ozean“ kann auch anders, wilder, bewegter. Wenn er seine mitreißende Kraft zeigt, heftiger „wogt“ fühlt man sich an Bilder großer, Gischt bekränzter See erinnert, die schäumend dem Ufer zurollen, nur um dann ganz still und leise als kleinste Wellen am Sandstrand zu verlaufen. Passende Musik für einen Sommerabend, für ein Open Air-Konzert im Hof des Wichernhauses, für die Jazz- und Bluesfreunde in Altdorf und vor allem die Fans von Wolfgang Haffner und Band.
Er sei hier mit seiner erfolgreichsten Band, stellt der Ausnahmeschlagzeuger bei seinem Heimspiel fest und meint damit seine Musikerkollegen Hubert Nuss am Klavier und Christian Diener am Bass. Seit 2007 reist er mit ihnen quer durch die ganze Welt, zuerst mit „Shapes“ und „Acoustic Shapes“. Die aktuelle „Round Silence“-Tour führte sie beispielsweise quer durch Europa bis Indien und Bangladesch. 2010 sind weitere Konzerte in Asien und Europa angesetzt, verrät Haffner seinen Fans und Jazz-Freunden. Die Auszeichnungen der letzten Zeit geben ihm recht. Nach dem German Jazz Award für mehr als 10.000 in Deutschland verkaufte Exemplare seines Albums „Shapes“ und dem Deutschen Musikpreis ECHO ehrte den frischgebackenen Ibizenker ganz aktuell auch Mittelfranken mit dem Wolfram-von-Eschenbach-Preis. Ganz frisch gratulierte ihm dazu Oberbürgermeister Erich Odörfer.
In Altdorf mixt das Trio Titel der aktuellen CD- „Round Silence“ mit Stücken aus „Acoustic Shapes“ – präsentiert lyrische Jazz-Träumereien, leise Arrangements mit langsam-melodiösem Klavierspiel. Urlaubs- oder Feierabendstimmung, nach einem anstrengenden Tag entspannt zurücklehnen, gemütlich flanieren und einfach genießen. Spannend den Musikern in ihre Improvisationen zu folgen, sich von ihrer Spielfreude, den ständigen Wechseln und den vielen kreativen Ideen überraschen zu lassen.
Denkt man ein Thema oder Rhythmusmuster entdeckt zu haben – schon vermischt es sich mit anderen, ist plötzlich fremd und ganz neu. Faszinierend die vielen Feinheiten, die zwischendurch kurz aufblitzen: Wenn in „Ride“ Diener einige Takte lang asiatische Klänge einbaut, wenn Nuss klassische Elemente in Jazz anklingen lässt, wenn Haffner in einem Solo zuletzt mit der Fantasie seines Publikums spielt, den Rhythmus so reduziert, dass dieser ein paar Takte lang unhörbar nur im Kopf der Zuhörer weitergeht. Ansteckend, wie in „Star“ das Schlagzeug aus dem dahinfließenden Thema ausbricht, einen harten, treibenden Rhythmus vorgibt, quasi versucht Bass und Klavier anzustecken. Als erster lässt sich Diener „einkaufen“ und es entsteht ein vibrierendes Neben-, Mit- und Gegeneinander von lebhaftem Rhythmus und verhaltenem Klavierspiel, ein herausforderndes Treiben und Provozieren.
Da macht es auch nichts, wenn aus der anfänglichen Donner-Untermalung dann wirklich ein Sommerregen wird.
Der Stimmung und Begeisterung unter Regenschirmen und schnell aufgebautem Garten-Pavillon für die Musiker tut das keinen Abbruch in diesem „Ambiente, das seinesgleichen sucht mit ebensolcher Musik“. Oder um es mit Wolfgang Haffner zu sagen: „Das ist Jazz – Jazz ist Improvisation.“


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