Tanz der Musiker-Seelen

HERSBRUCK - Nicht weniger als eine Deutschland-Premiere hatte Festival-Leiter Johannes Kreusch den Besuchern des 12. Hersbrucker Gitarrenfestivals für den vorletzten Konzertabend versprochen. Und die Leute strömten in Scharen in den schließlich ausverkauften Dauphin Speed Event, um den Brasilianer Carlos Barbosa Lima zu hören. Zuvor und hernach kamen sie in den Genuss von drei weiteren Ausnahme-Künstlern — dem Amerikaner Andrew York und der „GothenburgCombo“ aus Schweden.
Eingangs zog Bürgermeister Robert Ilg seine positive Festivalbilanz und begrüßte die Ehrengäste: Bezirkstagspräsident Robert Bartsch sowie Gloria Minguez, Kulturrätin der Spanischen Botschaft in Berlin. „Wir haben Planungssicherheit für die nächsten Jahre“, freute sich Ilg im Hinblick auf die gute Zusammenarbeit mit Festivalleiter Kreusch und dem AOK-Bildungszentrum.
Den Auftakt zum folgenden Musikerlebnis gestaltete die Ensemble-Klasse von Andrew York: Im harmonischen Miteinander zeigten sie mit „Brajamazil“ eindrucksvoll, was in einer Woche harter Arbeit erreicht werden kann. Dann aber tauschte York selbst den Taktstock gegen seine Gitarre und legte los: Wenn Andrew York in die Saiten greift, entsteht das Gefühl, seine Seele tanzt dazu. Leicht und beschwingt ließ er die Finger über die Gitarrenstränge fließen, denen er wunderschöne Melodien entlockte — traurig und fröhlich zugleich.
Und während York selbst als Resonanzkörper mit seinem Instrument schwang, lächelte er. Diese Aura ergriff sofort vom Publikum Besitz, das sich von seinen Tönen treiben ließ. So verblasste der Alltag, fast ein wenig meditativ: ein Meister und sein Instrument — einfach mitreißend. York präsentierte Eigenkompositionen. Besonders eindrucksvoll war das letzte Stück „Mechanism“. Der Song entwickelte eine dynamische Sogkraft: treibend und trotzdem eingängig.
Carlos Barbosa Lima setzte das Konzert nach einer ersten Pause fort. Der Altmeister der akustischen Gitarre hatte zur Unterstützung den amerikanischen Gitarristen Lawrence Del Casale mitgebracht. Lima zäumte das Pferd von hinten auf, startete mit dem Stück „Adiós“ von Enric Madriguera. Und auch im Folgenden setzte er in seinem Set überraschende Akzente — sowohl bei der Auswahl der Songs (Klassik bis Pop) als auch bei den Arrangements. Dabei hauchte der kreative Gitarrenvirtuose allen Liedern seine persönliche Note ein — die Handschrift des Carlos Barbosa Lima. Und er zeigte sich als echter Könner komplexer Griffabfolgen, die dem fast 70-Jährigen mühelos von der Hand gingen. Kraftvoll schlug er die Seiten, experimentierte von laut bis ganz leise.
Dabei blieb Lima stets bescheiden, bedankte sich beim Publikum mit dezenten Verbeugungen und fast schüchtern anmutendem Lächeln. Um so überraschender war dann, dass er sich bei der Vorstellung seines Kollegen Del Casale als charmant-gewitzter Ansager entpuppte, etwa beim Beatles-Klassiker „Yesterday“. Del Casale und Barbosa Lima überzeugten als eingespieltes Team: Deutlicher als bei dem McCartney Song wurde dies noch beim „Prelude 3“ von Gershwin oder „Luzia“ von Antonio C. Jobim: ein Lied mit Gänsehaut-Potenzial, bei dem sich die beiden die leisen, fragilen Töne als unsichtbare Bälle hin- und herspielten.
Der heimliche Höhepunkt des Abends allerdings gehörte mit der „GothenburgCombo“ aus Schweden dem Nachwuchs: Trotz vorgerückter Stunde — das Konzert dauerte bereits mehr als drei Stunden — gelang es den begabten und einfallsreichen Gitarristen Thomas Hansy und David Hansson, das Publikum noch einmal völlig zu fesseln. Ihr Programm umfasste Eigenkompositionen und reichte darüber hinaus von Minimalist Steve Reich bis hin zu Henrik Strindberg. Dabei zeigten die schwedischen Jung-Stars an der Gitarre mitunter fast schon akrobatisches Können. Ihrem Einfallsreichtum war keine Grenze gesetzt. Mit kubanischen Klängen, „Sones y Flores“ von E. Martin und W. Dominges, spielten sie sich ab der ersten Note in die Herzen der Hörer im Dauphin Speed Event, die sie lautstark bejubelten und beklatschten.
Zudem bewiesen sie kabarettistisches Talent: Mit originellen Ansagen und locker eingestreuten, launigen Geschichten hielten sie die Spannung im Saal, die sie mit ihren Musikstücken an den Siedepunkt brachten. Das Duo beherrscht den Minimalismus, ihre große Stärke allerdings ist es Atmosphäre zu schaffen. Mit ihren Liedern und Arrangements malten sie regelrecht vor dem inneren Auge des Hersbrucker Publikums: So entstanden Landschaften, Abenteuer und große Gefühle. Ein starker Abschluss für einen überwältigenden, wenn auch ein wenig überbordenden Konzertabend. Anna Schneider


Anmerkung hinzufügen