Herr Jesch und der Rollator

ALTDORF – Es gibt Schicksale, die möchte man selbst nicht erleben. Krankheit und Tod, Einsamkeit gehören dazu, und es gibt genug Menschen, die an schweren Schicksalsschlägen oder einem harten Schnitt in ihrem Leben scheitern oder sich zurückziehen. Es gibt aber auch Menschen wie Karlheinz Jesch, die es als einzig richtigen und vernünftigen Weg sehen, ihr Schicksal aktiv zu gestalten. Sein Schicksal ist das Parkinson-Syndrom.
Herr Jesch wohnt in Altdorf, im Seniorenhof, einem Alten- und Pflegeheim beim Industriegebiet. Urspünglich kommt der 76-Jährige aus der Nähe von Leipzig. „Mit meiner Frau habe ich dann in einem Haus in Saal bei Kehlheim gewohnt. Am Wald, großer Garten, keine Heizung“, erzählt er. Gern war er draußen unterwegs, vor allem im Wald, zum Pilze sammeln.
Bis er mit 51 Jahren an Morbus Parkinson erkrankte. „Ich habe schnell entschieden, dass woanders wohnen am besten ist“, erklärt der Senior, der aufgrund seiner Erkrankung den Kopf nur gesenkt halten kann. Sein Sohn, der in Rummelsberg arbeitete, verschaffte dem Ehepaar einen Platz im Seniorenhof. „Meine Frau hat sich schwer getan“, bedauert Jesch, „aber ich hatte keine großen Probleme“. Vor sechs Jahren verstarb sie, und seitdem hat sich im Leben ihres Mannes einiges geändert.
„Abends um sechs ist hier ja tote Hose“, ärgert sich der unternehmungslustige Bewohner, „Zimmertür zu, Fernseher an“. So laufe das bei den meisten. Um nicht der Einzige zu sein, der sich abends noch für ein wenig Geselligkeit begeistern kann, rief Jesch eine Art „Bibliotheksrunde“ ins Leben, die sich einmal wöchentlich zum geselligen Beisammensein in dem Raum mit den Büchern traf. „Das hat sich dann auch durchgesetzt“, berichtet er stolz von seinem Erfolg, trotz der wohl anfangs eher skeptischen Einstellung der Heimleitung zu der Idee. Um die zwölf Leute seien es jetzt oft, manchmal natürlich auch nur vier, wie sich das eben so ergebe.
Den Rest der Woche sucht Karlheinz Jesch sich seine Beschäftigung außerhalb des Heimes. Um auf Altdorfs Gehwegen mobil zu sein, hat er sich etwas ganz besonderes überlegt: einen selbst ausgestatteten Gehwagen, seinen Rollator. „Ich hab zwei Vorderlichter“, sprichts und schaltet zwei Fahrradleuchten am Vordergestell ein, „eine Rückleuchte und eine Klingel“. Damit kann er auch bei Dunkelheit und schlechter Sicht über die Bürgersteige wandern. Sein Ziel sind Krankengymnastik und ähnliche Termine sowie verschiedene Treffpunkte in der Stadt.
„Montags spiele ich Canasta, dienstags spiele ich Skat und am Donnerstag Schafkopf“, zählt er auf. Im Winter sei es natürlich schnell dämmerig, da sei ihm die Idee mit der Beleuchtung gekommen. Auch eine große Hupe befindet sich an seinem Garanten für Mobilität, „für die Fußball-WM“, wie er schmunzelnd zugibt.
Dass er jetzt wieder so gut unterwegs ist, freut den alten Herrn sehr. Vor einigen Jahren war er schon im elektrischen Rollstuhl gesessen, so sehr hatte sich sein Zustand verschlechtert. Eine Behandlung in einer Spezialklinik in Kassel hatte ihn dann soweit wieder hergestellt, dass er das „Ding“ nicht mehr brauchte.
Mit seinen vielseitigen Aktivitäten versucht „Charlie“, wie er von Freunden genannt wird, auch andere aus der Isolation und Lethargie zu reißen.
„Studien zeigen, dass Kreativität und Bewegung die Entwicklung der Krankheit verlangsamen“, macht er deutlich. Parkinson-Kranke haben neben dem bekannten Zittern (Tremor) auch mit allgemeiner Bewegungsarmut, zum Beispiel Schwierigkeiten beim Gehen, starrem Gesichtsausdruck und Muskelsteifheit zu kämpfen.
So möchte er nicht nur die Bewohner des Seniorenheimes zu mehr Aktivität bewegen, sondern auch anderen Parkinson-Kranken ein Vorbild sein. „Ich will andere wachrütteln“, sagt er, und hat dabei schon wieder die nächsten Ideen im Kopf.
Ein „Fotos des Monats“ könnte man im Seniorenhof machen, also eine Art internen Fotowettbewerb mit anonymer Abstimmung zur Gewinnermittlung. Weiterhin will Jesch seinen großen Flachbildschirm dazu nutzen, Opernabende zu veranstalten und Aida, La Traviata und Ähnliches gemeinsam in seinem Wohnzimmer anzusehen. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, fährt Jesch alle fünf Jahre nach Leipzig zum Klassentreffen. „Das ist immer schön“, berichtet er, und freut sich schon wieder auf die nächste Zusammenkunft.
Sorgen machen ihm im Moment nur seine Augen, wegen Netzhautablösung und Problemen schon seit der Kindheit hat er bereits einige Operationen hinter sich. Jetzt ist eine Makula-Degeneration hinzugekommen.
Auch wegen seiner starken Kopfneigung hat der Senior natürlicherweise ein sehr beschränktes Gesichtsfeld und trägt sich schon seit längerem mit dem Gedanken einer „Prismabrille“, die das vor ihm liegende Geschehen abbilden und so brechen soll, dass er auch diesen Bereich wahrnehmen kann. Aber eine Spezialanfertigung kostet Geld, also liegt der Fortschritt bisher im Ungewissen. Trotz alledem hat der rüstige Herr seinen „Hu-
mor nicht verloren“, wie er klar-macht.
Ein Projekt ist für die nächste Zeit aber sicher geplant: Der Rollator soll eine durchsichtige Plane bekommen, damit Jesch in Zukunft auch bei Regen aus dem Haus kommt und seine Termine wahrnehmen kann. Vor einigen Tagen hat er übrigens seinen ersten Waldspaziergang seit Jahren gemacht. Pilze hat er allerdings keine gesammelt.JULIA RUHNAU


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